Im Glashaus drinnen draußen sein

Das Café im Grünen in Dersau öffnet

Endlich! Es gibt wieder Schwarzwälder Kirschtorte. Nicht in Papier verpackt, zum Mitnachhausenehmen, nein, richtig im Café unter Menschen.

Vor der Tür Fahrräder, ein paar Autos, einige Gäste kommen auch zu Fuß. Nach so langer Zeit allein zu Haus schwappt bei allen gute Laune über den Mund- und Nasenschutz.

Im gläsernen Gewächshaus ist man drinnen zugleich draußen, vom Cafétisch blickt man in den blauen holsteinischen Himmel. Die Fahrräder in Sichtweite. Das Gepäck kann drauf bleiben. In diesem Glashaus fliegen keine Steine. Hier kreisen hausgemachte Kuchen, Torten, Kaffeetassen, Eisbecher.

Bald wird es auch wieder gesellige Veranstaltungen geben, Abende mit Livemusik, Lesungen, Diskussionen im kleinen Ort Dersau.

Almut Laing und ihr Mann Oliver hatten auf ihrer dreieinhalb Jahre dauernden Reise auf einem Katamaran über alle Meere der Welt viel Zeit zum Lesen und Nachdenken. Die Weiten der Ozeane im Blick, die Küsten der Kontinente, überall Spuren einer rücksichtslosen Zivilisation, erschien ihnen ihr bisheriges Leben plötzlich als falsch. Sie beschlossen es zu ändern.

Wieder zuhause, zogen sie von Stuttgart in die Holsteinische Schweiz und eröffneten das Café im Grünen. Fürs Grüne sorgen die Blumen, Stauden und Gemüsepflanzen von Gärtner Wolfgang Kobs, er hatte die Idee mit dem Café zum Anlass genommen, die von seinen Eltern geerbten Gewächshäuser nach zehn Jahren wieder in Betrieb zu nehmen.

Das Konzept funktioniert. Die Gäste bummeln durch die Gärtnerei und schnuppern an Rosen- und Orangenblüten. Wolfgang Kobs fährt sonnengebräunt mit dem Fahrrad durch die gläsernen Blumenhäuser. Er hat viel Ohr für Gartenfragen. Ich erfahre endlich, warum mein Salat im neuen Hochbeet an der Wurzel abgefault ist. Zu viel Dünger. War gut gemeint. Aber Salat will genügsam sein.

Gerade verlässt wieder eine Gruppe Gäste mit wehenden Gräsern und Blumen im Fahrradkorb den lohnenden Ort.

 

 

FRAU LAING, NACH DREIEINHALB JAHREN WELTREISE AUF EINEM KATAMARAN ERÖFFNEN SIE EIN CAFÉ IN DERSAU. WARUM DAS?

 

Es geht uns dabei eigentlich um mehr, als um guten Kuchen. Es geht um eine andere Richtung im Denken. Wir sind hier angekommen mit lauter tollen Ideen. Unsere bisherige Lebensweise bedeutete für den Rest der Welt eine echte Katastrophe. Als Extremberufler waren wir enorm konsumorientiert, wir sind sozusagen über Leichen gegangen, was die Umwelt angeht. Oliver fuhr ein Riesenauto. Ich hatte einen kleinen aber schnellen Wagen. Wenn ich irgendwohin wollte, bin ich geflogen, hab‘ mir überhaupt keinen Kopf um so was gemacht.

 

NACH DER WELTUMSEGLUNG WAR DAS ANDERS?

 

Wir hatten vor unserer Reise unser Haus in Stuttgart verkauft. Wieder zurück, überlegten wir, wo wir leben wollten. Die Wahl fiel auf die Holsteinische Schweiz. Wir haben dort ein altes Bauernhaus gekauft und energetisch auf null Prozent CO2-Ausstoß gebracht.

 

DABEI BLIEB ES NICHT.

 

Wir suchten Gleichgesinnte. In Dersau gab es die Gruppe „Zukunftswerkstatt“. Dort fanden unsere Überlegungen Resonanz. Und dann hörten wir, sie haben in Dersau bloß noch ein Hotel, sonst keinerlei Gastronomie, bald gab’s auch keinen Laden mehr. Der Laden hätte uns überfordert, wir sind ja nicht vom Fach. Aber ein Café, in dem sich vor allem die Ortsansässigen treffen könnten, erschien uns passend. Mit Wolfgang Kobs‘ Gärtnerei, die seit 10 Jahren brach lag und wiedereröffnet werden sollte, bekam die Idee Gestalt.

 

DIE GEWÄCHSHÄUSER WAREN SCHON DA?

 

Die standen. Aber die ganze Einrichtung – Heizung, Tresen, Toiletten – haben wir selbst übernommen. Viele gute Freunde haben uns geholfen. Einer ist Profisänger, hat aber vorher noch seinen Elektromeister gemacht. Der kam und hat alles verkabelt. Wir mussten nur das Material bezahlen. Als Lohn freute er sich über einen schönen Kuchen.

 

DAS HÖRT SICH NACH GLÜCKLICHER FÜGUNG AN.

 

Ich backe ungeheuer gerne. Backen für andere Leute ist mein Ding. Aber ich bin keine Tortenfrau. Hier noch eine Kirsche, da ein Spritzer Sahne als Dekoration, das ist nichts für mich. Die Kuchen backe ich alle selber. Der Witz dabei: Ich selbst kann nur probieren, ich leide seit 50 Jahren an Diabetes.

 

SIE KRIEGEN ES HIN?

 

Ist aber nicht so einfach. Ein Café in einem Dorf in Norddeutschland, das will überlegt sein. Wenn etwa die Sonne nicht zuverlässig scheint, bleibt der Norddeutsche lieber zuhaus. Deshalb freuen wir uns über die Radfahrer, die gern Rast bei uns machen. Inzwischen sieht man auch immer mehr junge Leute im Sattel, mit und ohne Kindersitze.

 

WIE SIEHT’S MIT E-BIKERN AUS?

 

Unter den Menschen ab 50 sind E-Bikes schon die Regel geworden.

 

GIBT ES SPEZIALITÄTEN?

 

Wir haben ganz tolles dänisches Softeis. Softeis scheint in der DDR das Ding gewesen zu sein. Die Leute aus den neuen Bundesländern sehen es und kriegen Tränen in die Augen: „Oh mein Gott, das ist ja wie früher!“ Ab da haben wir neue Stammkunden. Wenn die auf dem Campingplatz wohnen, kommen sie jeden Tag und holen sich ihr Waffelhörnchen mit Eis. Und auch die Dänen sind ganz begeistert.

 

INSGESAMT ALSO EINE POSITIVE BILANZ?

 

So ziemlich. Das Café hat das Dorf belebt. Wir haben dort unsere Stammkundschaft und werden unterstützt. Der Bürgermeister hat uns die Touristeninfo angetragen. Für uns bedeutet das mehr Publikum, dafür beteiligt sich die Gemeinde an der Miete.

 

WO IST NOCH LUFT?

 

Die Menschen interessieren sich vielleicht noch nicht in dem von uns erhofften Umfang für die Probleme, die uns auf unserer Reise klargeworden sind.

 

NICHT ALLE KÖNNEN DIE WELT UMSEGELN.

 

Klar, man könnte sich aber auch von Dersau aus einmal fragen, was mit uns passieren wird, wenn die Rohstoffe, von denen wir leben, aufgebraucht sind, und wieviel Schaden ihr Riesenverbrauch in unserem Teil der Welt woanders anrichtet. Oder auch, ob es zum Beispiel wirklich gesund ist, so viel Zucker zu essen. Bei den Rohstoffen geht es ums Überleben der Menschheit, beim Zucker ums Überleben jeder und jedes einzelnen von uns.

 

SIE MÖCHTEN ZUM NACHDENKEN ANREGEN?

 

Und zum Handeln. Nur wissen viele eben nicht, was sie tun können. Beim Energie-Stammtisch etwa informieren wir über Wärmepumpen. Auch das Blühwiesenprojekt einer Mitstreiterin im Dorf ist am Stammtisch entstanden. Wir kümmern uns darum, wie man Plastik vermeiden kann, wie man Kosmetik ohne Schadstoffe herstellt. Nicht alles, was wir tun können, kostet Geld.

 

WIE PRAKTISCH, DASS IHR MANN PHYSIKER IST.

 

Energiefragen sind sein Beruf. Er berät Firmen. Aber hier berät er die Leute unentgeltlich. Er sagt zum Beispiel, hey, packt Euch ein Sonnen-Panel aufs Dach, eine kleine Batterie in die Garage und ihr seid zumindest über die Sommermonate komplett autark. Themen wie Solar- und Windenergie oder Wärmedämmung am Haus sind immer aktuell.

 

UND SEHEN SIE ERFOLGE?

 

Es kommt was in Bewegung, das merken wir. Man muss aus der Lethargie heraus, muss aktiv werden. Von nichts kommt nichts. Da sind wir auf dem richtigen Weg.

 

 

 

 

TIPP

  • Eine Radtour um den Plöner See herum führt auch durch Dersau. Die Tour ist knapp 40 Kilometer lang. Sie verläuft am See entlang, durch hügelige Wiesenlandschaft, hübsche, alte Dörfer und am Plöner Schloss vorbei. Wem die Tour zu lang wird, kürzt mit dem Schiff ab.

 

 

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