Knicklandschaft

Eine Zierde Ostholsteins

Die langsam gelblich werdenden Roggenhalme wogen im Wind. Vogelgezwitscher. Ich stehe mit Klaus-Peter Wesseling am Rand des Felds. Da taucht auf seinem Trecker Christian Saggau auf. Es stellt sich heraus: der Schlag, an dem wir stehen, verbindet die beiden. Der Bauer Saggau und der Erfinder Wesseling haben aus diesem, von vier Knicks eingehegten Schlag ein Versuchsfeld gemacht. Hier testeten sie in den letzten Jahren neue und alte Roggensorten. Der Roggen hat Tradition, er war früher im Norden das Getreide schlechthin. Er verträgt Nässe und Kälte, sein Stroh wurde neben dem Reet zum Decken von Dächern genutzt.

Saggaus Schlag mit seinen sechs Hektar gehört nicht zu den größten. Diese Größenordnung ist während der vom dänischen König verordneten Flurbereinigung der 1770er Jahre entstanden. Damals wurden die zuvor gemeinschaftlich bewirtschafteten Flächen, durchsetzt von buschähnlichem Niederwald, Heiden und Mooren, unter die Bauern aufgeteilt. Sie umhegten ihren Anteil mit einem bepflanzten Steinwall. Ein Großteil der Moore und Wälder wurde nun der wirtschaftlich ertragreicheren Nutzung durch Getreideanbau zugeführt. Es entstand die landschaftsprägende, gedankenreich angeordnete Knicklandschaft des damals noch dänischen, heute bundesdeutschen Schleswig-Holstein.

Als Bewirtschaftungsgröße wurde damals ein „Wochenwerk“ festgelegt, heute etwa 6 Hektar. Denn für Pflügen, Aussaat und Ernte oder die Mahd brauchte ein Hof pro sechs Hektar jeweils etwa eine Woche. Heute pflügt Christian Saggau die Fläche mit seinem Traktor in vier Stunden. Fühlte er sich der industriellen Landwirtschaft verpflichtet, wären die Knicks für ihn Störfaktoren für eine auf Höchstertrag und Höchstrendite ausgerichtete Effizienz-Ökonomie. Die Knicks müssen ja auch längst nicht mehr in der alten Weise hilfreich sein. Dass sie einst das weidende Vieh zusammenhielten, die Tiere des Waldes fern, spielt heute keine Rolle mehr. Saggau hält gleichwohl an der Einteilung seiner Felder in Knicks fest. Sie sind so landschaftsprägend, so schön, außerdem haben sie schon die Vorväter seit Generationen zu schätzen gewusst. Und je mehr Natur durch mehr und mehr großindustrielle Lebensmittelproduktion zurückgedrängt und zerstört wird, desto mehr kommt den Menschen zum Bewusstsein, was sich in den Knicks abspielt, was sie an ihnen und in ihnen haben.

„Hören Sie mal, wie das hier zwitschert“, Wesseling selbst ist immer wieder begeistert. In der Sommerluft ringsum ein unaufhörliches Gezwitscher und Gesumm. Ich sehe Stieglitze, Rotkehlchen, Sperber, ich höre Lerchen. 30 Vogelpaare nisten auf einem Kilometer Knicklänge – es gibt 45 000 Knick-Kilometer. Einige davon sind Doppelknicks, da wächst es rechts und links am Feldweg zwischen den Äckern. In einem Doppelknick nisten sechsmal mehr Vögel als im normalen Feldrandknick. In den Knicks fanden sich sämtliche Pflanzen, die auch in den Wäldern vorkamen, hauptsächlich Hasel, Schlehe, Hainbuche und Brombeere. Es kommen aber auch viel Weißdorn und Holunder, Rosen, Wildkirschen und Wildäpfel vor; an den Knickrändern Farne, Gräser und viele Blumen. Mit ihrer, durch den Knick erhaltenen Pflanzenvielfalt und mit den bis zu 7000 Tierarten, die in den Knicks leben und überleben, ist die Knicklandschaft geradezu ein Mahnmal, ein Wegweiser in die Richtung, in die es gehen muss mit der Landwirtschaft, soll die ländliche Umwelt, wunderschön und nahrhaft wie sie ist, erhalten bleiben.

Christian Saggau besitzt 11 Kilometer Knicks. Die müssen gepflegt werden. Das heißt, alle zehn Jahre ist ein Knick „auf den Stock“ zu setzen. Alle Sträucher und Bäume werden dann fast bis auf den Steinwall heruntergesägt, auf dem alles wächst, ausgenommen einige ganz große Stämme, die „Überhälter“. In Zeiten, da es den Bauern verboten war, sich im Wald auch nur mit herumliegenden Ästen und Zweigen zu versorgen, wanderte das Knickholz in der kalten Jahreszeit in die Bauern-Öfen. Aus den härteren Holzsorten, den Eichen, den Eschen und Erlen, stellten die Bauern landwirtschaftliche Werkzeuge her. Aus dem Hasel wurden Körbe, im Mittelalter stellte man aus ihnen ganze Wälle und Zäune her. Auch Mengen an Brombeeren, Holunder, Kirschen und Birnen gaben die Knicks her. Sie wurden geerntet und frisch verzehrt oder eingemacht. Heute freuen sich die Vögel darüber.

Schockmeldungen wie aus Mecklenburg-Vorpommern, wo in wirbelnden Staubwolken über riesigen Schlägen immer mal wieder blinde Autos ineinander krachen, gibt es in Ostholstein nicht. Knicklandschaften verhindern Bodenerosion im Sommer, sie lassen Schneeverwehungen im Winter gar nicht erst entstehen.

Der Knick ist ein Segen. Jedes Produkt, das aus dem Weizen und Dinkel, dem Roggen, Hafer, der Gerste und dem Buchweizen der Knicks kommt und in Landbäckereien und gut sortierten Supermärkten zum Kauf ausliegt, propagiert eine Idee: Die Natur ernährt nicht allein unsere Körper, sie gibt – durch ihren Anblick, ihre Kultur – auch der Seele Nahrung. Kultivieren kann darum nicht nur heißen, die Natur zu beherrrschen und auszubeuten. Es geht vor allem darum, die Landschaft zu pflegen, indem man sie nutzt – und ihr damit das zurückzugeben, was sie braucht, um Natur zu sein. Es geht darum, auf das zurückzukommen, was die Natur uns seit langem sagen will.

Darauf läuft am Ende hinaus, was Klaus-Peter Wesseling umtreibt. Achtzehn Jahre war er Geschäftsführer einer großen Bäckereikette, er kennt sich aus im Geschäft, er weiß, wie Marketing geht. Den Namen „Knick-Getreide“ hat er sich schon mal als Marke schützen lassen. Mit den Mitteln des Marktes will er nun offensichtlich nicht nur Geld verdienen, er will etwas bewirken. Mit dem Kauf und Verzehr des Backwerks aus den Knicks sollen die Konsument*innen auch ein Gefühl der Verantwortung erwerben dafür, dass uns so etwas Schönes wie die Knicklandschaft erhalten bleibt.

Mehrere Bäckereien in Schleswig-Holstein werben mit dem Verbacken des Knick-Getreide in ihren Broten bereits für den Erhalt der Landschaft und ihrer Früchte. Wir als Verbraucher können sie hoffentlich bald als fertig Gebackenes, als Mehl, ganzes Getreide oder Backmischung kaufen. Klaus-Peter Wesseling probiert einstweilen noch, er tüftelt herum an der Marke, die er sich hat einfallen lassen, sie heißt: „Ahoi – nordisch purer Genuss!“

INFO:

  • Ein schönes und informtives Buch über die Knicklandschaft Schleswig-Holsteins ist Das grüne Netz, Unsere Knicklandschaft in Schleswig-Holstein
    KJM Buchverlag, 22,00 €