Mok good!

Er muss uns durch seine Fenster die Straße heraufkommen gesehen haben. Wir waren einkaufen. Die Fahrradkörbe hinterm Sattel gut gefüllt. Es gab bis auf Hefe wieder fast alles. Als wir die brüchige Asphaltfläche vor dem backsteinigen Bauernhaus erreichen, öffnet sich die Tür. Er tritt heraus. Er ist schwerer geworden, seit wir uns das letzte Mal sahen. Wie immer trägt er verschlissene Arbeitsklamotten, einen gestopften hellbraunen Pullover, Jeans, Gummistiefel. Wie immer geht er krumm und uneben, eine Hüfte ist hin von der schweren Arbeit im Stall zu jeder Jahreszeit und in der Frühe, sommers wie winters, wenn wir ihn von unserer Terrasse aus überm See auf seinem alten, grünen Fischerboot haben leise tuckernd vorbeigleiten sehen auf dem Wasser, zwei Meter vom Schilf entfernt. Er bleibt drei Schritt vor der Tür stehen, die Frühlingssonne scheint, er lacht verlegen beim Reden, nur er kann das so. Der blonde, stämmige Fischerjunge, der er einmal war, steht ihm, wenn er spricht, immer noch im Gesicht. Das Rentenalter hat er lang erreicht. Aber wegen Corona Pause machen? Nix da. In den Sommern gibt es Maränen, Saiblinge, einige Forellen. Immer donnerstags sind sie so weit, Samstag ist Wochenmarkt in Neumünster. Dann riecht es schon auf der Straße, wenn der Wind, was er bei uns oft tut, von Nordwesten weht, nach Fischrauch. Frisch geräuchert liegen die geschwänzten, fein beflossten Silberlinge dann in den flachen Billigholzkisten neben Waage und Einpackpapier im Flur. Man kann sie sich Tage vorher aussuchen aus Becken mit lebendem Fang. Er holt sie mit dem Kescher heraus, Knüppel übern Kopf und aufgeschlitzt das Tier. Auch jetzt gibt es Fisch, auch nächsten Donnerstag. Auch dann müssten wir wohl irgendwie Abstand halten wie wir es jetzt tun. Wir reden über den Hof miteinander. Vielleicht legt er uns die Ware vor die Tür, wir ihm das Geld auf die Schwelle. Mal sehen. Nach dem Fisch, der mir der Liebste ist, mag ich kaum fragen. Es ist März, er wurde vorigen Herbst ausgesetzt und braucht seine Zeit jetzt im Frühling. Die Haut rollt sich förmlich herunter, nachdem man sie am Rücken geschlitzt hat, wenn er frisch geräuchert ist. Wenn man es geschickt anstellt, löst sich das weiße, fein gemusterte Fleisch fast wie von selbst von der stacheligen Wirbelsäule. Die Finger triefen von Fett. Es riecht nach Paradies, eine Sorte Paradies, die es nur im flachen Land hinter den Deichen gibt. Fett hat einen sehr schlechten Ruf. Aber alles, was gut schmeckt, muss fettig sein, in mundgerechter Marmorierung zum Beispiel das Fettgeäder im Schinken oder im Entrecôte, auch alles, was mit guter Butter in Zusammenhang steht. „Fett ist Geschmacksträger“, sagt dazu, wer Ahnung hat und nicht nur Ahnungen. So ist es. Christoffersen, so heißt unser alter Freund, nickt jungenhaft lächelnd. Aber ob er Donnerstag schon Aale hat? Wir werden sehen, es kommt aufs Wetter an, am besten, ich rufe vorher durch. So machen wir’s. Mok good. Ihr auch. Die Sonne ist immer noch hell, als wir heimwärts radeln. Überall blüht es, man möchte Ostereier suchen. Echte Täler haben wir zwar nicht hier oben. Aber Hoffnungsglück grünt auch bei uns, selbst in Zeiten wie diesen. Die Aussicht auf so ein schönes, matt glänzend bronzenes, im Wasser geborenes, nach Opferrauch duftendes Stück Glück wird uns die kommenden Tage beflügeln. Ganz einfach: Räucheraal tröstet.

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